1. Zyklus Hochdosis-Chemotherapie
27.12.2006
Fahren um ca. 6:30 Uhr los. Übliches Aufnahmeprocedere, bekomme sogar ein
Einzelzimmer. Obwohl ich eigentlich keinen ZVK will und sehr ablehnend dem ganzen gegenüberstehe, werde
ich zu einem ZVK
überredet. Meine Befürchtungen bestätigen sich leider doch sehr stark. Nachdem
die
Stationsärzte wahrscheinlich gelost haben, wer den ZVK beim Kollegen legen
muss, kommen zwei Ärzte
zusammen mit PJ in
mein Zimmer. Zuerst wird mit einem Ultraschallgerät
die Gefäßsituation an meinem rechten
Hals dargestellt, dann ausgiebige
Desinfektion und steriles Abdecken. Die lokale Betäubung ist schon sehr
schmerzhaft, dann wird es aber auch nicht viel besser. Vielleicht ist das
Problem, dass ich genau weiß, was
gemacht wird. Ich spüre genau wie der
Führungsdraht bis vor mein Herz geschoben wird. Zwischendurch geht’s
mir ganz
schön schlecht, mir läuft der Schweiß in Bächen, der ganze Hals tut durch das
massive Nach-Links-
Überstrecken stark weh. Selbst das Annähen des Katheters
schmerzt deutlich. Als alles vorbei ist, bin ich völlig
am Ende.
Jetzt muss noch
die Lage des Katheters mit Röntgen und EKG kontrolliert werden. Werde im Bett
durchs ganze
Haus geschoben. Oh Gott geht´s mir schlecht. Kann den Hals kaum
bewegen, geschweige denn den Kopf
halten.
Um 17:00 Uhr kommt
dann die Chemo. Bin dann doch wieder sehr nervös, obwohl die Dosierung des ersten
Präparates
(Cisplatin) die gleiche ist wie bei der ersten Chemo. Gegen 23:00 Uhr
geht es mir ziemlich schlecht,
verbringe hin
und her gerissen zwischen Toilette
und Waschbecken viel Zeit im Bad. Irgendwann ist es dann
soweit, ich lasse
mir
das Abendessen noch mal durch den Kopf gehen. Da fängt die Hochdosischemo ja gut
an,
soll das jetzt so
weitergehen? Ich bin begeistert. Nach längerem Kampf
liege ich im Bett und erhalte Infusionen
gegen Übelkeit. In der Nacht schlafe ich
ganz gut.
Das einzig Positive an diesem Tag waren die Tumormarker, βHCG ist auf 1.700 U/l gefallen.
Das klingt doch
viel versprechend.
28.12.2006 Morgens
geht’s mir einigermaßen. Mittags kommt Moni zu Besuch, Chemo geht um 13:00
Uhr
weiter.
29.12.2006 Übelkeit
ganz gut im Griff, Moni kommt bis 13:30 Uhr zu Besuch, dann Heimfahrt nach HD,
Kinder sollen morgen aus Koblenz kommen.
30.12.2006 Jetzt hat
mich die Übelkeit ganz gut im Griff. Es wird Tavor ausprobiert, und man muss
ehrlich sagen, das ist ein krasses Zeug, kann man sicherlich auch sehr gut am
Bahnhof verkaufen…
31.12.2006 Silvester.
Nachdem ich schon das Glück hatte, Weihnachten zu Hause verbringen zu dürfen,
ist
es mir völlig egal, Silvester nicht feiern zu können. Bin eher ganz froh,
wahrscheinlich wäre der Jahreswechsel
zu emotional geworden. Wobei ich hier bemerken
muss, dass das Jahr 2006, bis auf die letzten 5 Wochen, ein
ziemlich gutes Jahr
war. Na ja, auf jeden Fall erhalte ich heute den letzten Tag Chemo. Leider plagt
mich
weiterhin die
Übelkeit. Abends gehe ich relativ früh ins Bett. Schlafe
den Tavor-gerechten Schlaf, wache sogar
um
23.45 Uhr auf, vernehme die
zunehmende Knallerei draußen, lasse mir erneut eine Tavor geben und schlafe
bis
zum nächsten Morgen durch. Das war mein Silvester 2006, eigentlich nicht so
schlecht, wenn ich nicht hier
gewesen wäre, hätte ich zumindest tagsüber Dienst
gehabt…
01.01.2006 Heute
gibt’s schon gar keine Chemo mehr, ging dann doch schneller als ich dachte.
Trotzdem geht´s mir nicht so prächtig, die Übelkeit hat mich immer noch ziemlich
im Griff. Nachmittags kommt
Moni mit den Kindern zu Besuch. Insgesamt ist der
gesamte Nachmittag nicht so, wie man es sich erhofft hat!
Zuerst sind die Kinder
nicht besonders gut drauf und im weiteren Verlauf geht es mir zunehmend
schlechter. Die
Übelkeit wird immer stärker. Man reißt sich dann halt doch
zusammen und es gipfelt dann in einer handfesten
Krise, als alle wieder weg
sind. Mit Tavor und Vomex und was weiß ich noch schlafe ich dann erst einmal,
die
Übelkeit ist beim Schlafen doch am besten zu ertragen. Vielleicht sollte man
sich zur Chemo für 5 Tage in
Narkose legen lassen.
02.01.2006
1. Stammzelltransplantation. Meine Übelkeit hält sich heute in Grenzen,
bin morgens schon
irgendwie nervös, da heute die Transplantation meiner
Stammzellen stattfinden soll. Leider weiß ich noch aus
meinem PJ, dass ich den
Geruch des Kühlmittels (DMSO) absolut nicht ausstehen kann. Da die Stammzellen
ja
bei minus 196°C ? gelagert und konserviert werden, muss ein Kühlmittel zugesetzt
werden, damit die guten
Dinger nicht kaputt gehen. Man dünstet dann dieses Kühlmittel mehrere Tage aus, so
ähnlich wie Knoblauch. Um
11.00 Uhr ist es dann soweit. Dr. J. kommt mit einer MTA in mein Zimmer. Einen
großen Stickstoffbehälter im
Schlepptau. Dann wird ein Beutel aus diesem nebelproduzierenden
Stickstoffbehälter entnommen. Die Identität
wird ausführlich geprüft, dann wird der Beutel in einem Wasserbad aufgewärmt. Als
der Inhalt flüssig ist, wird er
in eine große Spritze aufgezogen und von Dr. J.
über den ZVK in meinen Körper befördert. Genau in dem
Moment wird mir natürlich wieder massiv übel. Beim Aufstoßen riecht schon alles
nach dem Kühlmittel und Dr. J.
sorgt gleich dafür, dass ich eine Tablette Tavor erhalte. Diese
wirkt natürlich wieder Wunder und ich schlafe
erst einmal 1-2 Stunden. Danach
geht’s mir eigentlich ganz gut. Zwischendurch verspüre ich beim Aufstoßen
noch
den ekligen Geschmack. Aber insgesamt ist es wohl wie beim Knoblauch: alle
anderen riechen es, nur
man selbst nicht. Nachmittags kommen mein Vater und Moni
zu Besuch. Mir geht’s eigentlich ganz gut, die
Übelkeit klingt langsam ab.
03.01.2007
Mir geht es so gut, dass ich ziemlich rastlos bin und mich frage, ob man diese
Phase der
Therapie nicht ambulant machen kann. Bin sehr ungehalten und will nach
Hause.
04.01.2007
Heute weiß ich, warum man die Therapie nicht ambulant machen kann, bin ziemlich
schlapp
und müde, komme kaum aus dem Bett. Nach dem Duschen fühle ich mich wie
nach einer anstrengenden
Spinning-Stunde. Muss mich völlig platt wieder ins Bett
legen. Nehme alles von gestern zurück. Sandra kommt zu
Besuch, bestellen uns
eine Joeys Pizza, gigantisch.
05.01.2007
Fühle mich ziemlich schlapp, aber sonst ganz gut. Meine Mutter kommt zu Besuch,
sehr
schön. Als meine Mutter weg ist, baue ich ziemlich ab.
Liege frierend im
Bett. Lasse dann auf eigenen Wunsch Temperatur messen. 38,5°C, na toll. Jetzt geht´s los. Die
Dienstärztin wird informiert. Blutkulturen peripher und zentral
werden abgenommen. Rö-Thorax soll noch laufen,
und Antibiotika werden angeordnet.
Tazobac wird
angehängt, nach und nach spüre ich ein Kribbeln und Jucken im Mund, welches sich
langsam über
den ganzen Hals und Oberkörper ausbreitet. Jetzt habe ich auch noch
einen Antibiotikaallergie, na toll. Das
nächste
Programm wird gestartet:
Dienstärztin kommt wieder, jetzt gibt’s erst einmal Fortecortin und Fenistil i.v..
Nachdem mir auch noch die Nasenschleimhäute deutlich zuschwellen, glaube auch
ich an eine allergische
Reaktion. Leider fühle ich mich immer noch nicht besser,
zittere am ganzen Körper. Habe ja immer noch keine
Therapie gg. Fieber etc. erhalten. Zuerst soll ich zu Fuß zum Röntgen, dann gibt
es im Verlauf den Plan mit dem
Rollstuhl, schlussendlich werde ich mit dem Bett gefahren, da ich mich so
hundsmiserabel fühle. Als ich vom Rö.-
Thorax zurückkomme, habe ich mittlerweile
über 39°C Temperatur, endlich wird ein Antibiotikum und Novalgin
verabreicht. Die Nacht verbringe ich stark schwitzend. Ich wache zwischendurch auf und
mir laufen die
Schweißperlen in Sturzbächen die Stirn herunter. Ich weiß gar
nicht, wie oft die arme Nachtwache mein Bett
komplett neu beziehen muss. Aber im
Laufe der Nacht fühle ich mich deutlich besser und das Fieber geht auch
runter.
06.01.2007
Heute Morgen fühle ich mich im Prinzip wie neu geboren. Komische Sache da letzte
Nacht.
Na ja, jetzt bekomme ich halt weiter Antibiotikum, soll sogar Vancomycin
erhalten. Ich persönlich bin da etwas
skeptisch: Bei uns ist dies das komplette
Reserveantibiotikum. Die hier werden es schon wissen. Zusätzlich
gibt’s noch Meronem.
Abends bekomme ich wieder leicht Fieber, fühle mich aber nicht mehr so schlecht
wie
gestern. Zusätzlich plagen mich deutliche Schluckbeschwerden, solche
Schmerzen beim Schlucken hatte ich
noch nie, kann kaum etwas essen. Bei jedem
Bissen kommen mir fast die Tränen. Mir kommt es vor als sei die
gesamte
Speiseröhre entzündet.
07.01.2007 Moni kommt
heute ohne Kinder zu Besuch. Blanks kommen nur tagsüber zum
Kinderaufpassen nach
Heidelberg. Ich habe heute den ZVK entfernen lassen, er hat doch ziemlich
geschmerzt. Ich bin ja der Meinung, dass er der Übeltäter des Fiebers ist.
Erhalte heute 2
Erythrozytenkonzentrate (Blutkonserven). Na ja, um 14:30 Uhr kommt Moni.
Ein sehr schöner Nachmittag, gehen
sogar
spazieren.
08.01.2007
Heute wird ein Thorax-CT gemacht, zur Fokussuche (Infektquellensuche). Nebenbefundlich
wird hier
auch von einer diskreten Regredienz (Verkleinerung) der Lungenmetastasen gesprochen, ansonsten
kein Infiltrat, keine Pilzinfektion, am ZVK-Einstich auch kein Abszess. Zusätzlich wird
eine Auffälligkeit im EKG
gesehen: unklare T-Negativierung. Prof. J.
macht sich Sorgen, er hat wohl schon einmal Pat. unter
Hochdosischemo mit Hinterwandinfarkt gehabt. Ich betone jedoch, keine retrosternalen Schmerzen
o.ä. verspürt
zu haben.
09.01.2007
Habe immer noch leicht erhöhte Temperatur, ansonsten alles paletti. EKG
Kontrolle ist
wieder normal. Schlucken geht auch langsam wieder.
10.01.2007
Heute wurde aufgrund der EKG-Veränderungen eine Echokardiografie mit
unauffälligem
Befund durchgeführt. Am meisten hat mich dort der Umgang mit den
Patienten gestört. Es kam mir vor, als sei
ich ein Störfaktor bei dem
zusammengekommenen Kaffeeklatsch. Als der kardiologische Konsiliarius
nachmittags vorbeikommt, beschwere ich mich, hinterher fühle ich mich viel
besser… Von kardiologischer Seite
denkt er nicht, dass eine Ischämie und damit ein Herzinfarkt stattgefunden hat. Er empfiehlt aber die
Durchführung eines Kardio-CT´s.
11.01.2007
Heute wird mir bei Visite völlig überraschend mitgeteilt, dass ich morgen
entlassen werden
kann. Bin total überrascht und freue mich sehr. Soll dann
nächsten Mi wiederkommen, dann wird
das Kardio-CT
und das Staging
durchgeführt. Start des 2. Zyklus dann am Donnerstag.
12.01.2007
Wie zu erwarten, dauert natürlich alles länger. CRP ist leider auch etwas
angestiegen. Da
ich aber schon „Tatsachen“ geschaffen habe (ich hatte schon vor
Visite alles gepackt und provokativ aufs Bett
gestellt), kann ich dann doch nach
Hause gehen. Meine Mutter fährt mich, schlussendlich sind wir um 14:30 Uhr in
HD.